Der Ontologische Übergang Von Der Gemeinschaftlichen Erweckung Zur Kosmischen Neuschöpfung: Eine Analyse Von Psalm 85,6 Und 2 Korinther 5,17

Psalmen 85:6 • 2. Korinther 5:17

Zusammenfassung: Die Heilsgeschichte ist durch einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel gekennzeichnet, der von den wiederholten Bitten des Alten Bundes um gemeinschaftliche Wiederherstellung zu der Erklärung des Neuen Bundes über eine definitive, ontologische Transformation für den Einzelnen und den Kosmos übergeht. Zentral für das Verständnis dieses Fortschreitens ist der Dialog zwischen dem dringenden Ruf nach Erweckung in Psalm 85,6 und der Verkündigung der Neuschöpfung in 2 Korinther 5,17. Während der Psalm einen wiederkehrenden Bedarf an neuem Leben darstellt, das einer stagnierenden Bundesgemeinschaft wieder eingehaucht werden muss, enthüllt der Brief eine bereits angebrochene Realität, in der „Altes“ fundamental vergangen ist und einer neuen Seinsqualität in Christus Platz macht.

Psalm 85,6, verwurzelt in Israels nachexilischer Trostlosigkeit, ist ein gemeinschaftliches Gebet, dass Gott uns „wieder belebe“. Die hebräische Wurzel *chayah* bezeichnet den Wunsch nach Wiederbelebung und einer Rückkehr zu einem früheren Zustand der Gunst, des Wohlstands und der geistlichen Vitalität. Dieses Gebet, als rhetorische Frage formuliert, die eine starke Bejahung erwartet, unterstreicht das Vertrauen der Bittsteller in Gottes unveränderlichen Charakter als Lebensspender und Seine früheren Akte der Vergebung. Der Begriff „wieder“ betont die zyklische Natur der Beziehung Israels zu Gott, die wiederholte göttliche Interventionen erfordert, um das Volk zu seiner Bündnisfreude und seinem Wohlergehen zurückzuführen.

Im starken Gegensatz dazu verkündet 2 Korinther 5,17 eine radikale, nicht-zyklische Realität: „wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung.“ Das griechische *kaine ktisis* bezeichnet eine Neuheit in *Qualität* und *Natur*, was eine direkte Handlung Gottes bedeutet, vergleichbar mit der ursprünglichen Schöpfung. Diese neue Schöpfung ist sowohl individuell, durch das „Einpfropfen“ in Christus, als auch kosmisch, was eine tiefgreifende Störung des alten Zeitalters durch eine „Invasion vom Himmel“ anzeigt. Die „alten Dinge“ – unser früherer moralischer Zustand, weltliche Wahrnehmungen und unser selbstzentriertes Leben – sind definitiv vergangen und etablieren eine neue Identität. Dieser entscheidende Übergang mündet in der Lehre der Versöhnung, wo die poetische Harmonie göttlicher Attribute in Psalm 85,10 („Gerechtigkeit und Friede küssen einander“) ihre letztendliche Erfüllung in Christi Sühnewerk auf Golgatha findet, wo Gott die Welt mit sich selbst versöhnte.

Der Heilige Geist ist der unverzichtbare Akteur in beiden Dynamiken. Im Alten Testament fungiert der Geist als eine äußere Kraft der Wiederbelebung, die einer Gemeinschaft Leben einhaucht, damit sie sich gemeinschaftlich freuen kann. Im Neuen Bund ist die Rolle des Geistes jedoch weitaus intimer und ontologischer; die neue Schöpfung wird „aus dem Geist geboren“ und von innen heraus ständig erneuert. Obwohl die Wiedergeburt in Christus eine permanente, einmalige Transformation ist, bleibt die Realität der geistlichen Stagnation bestehen. So bleibt das Gebet aus Psalm 85,6 ein entscheidendes Werkzeug für die neue Schöpfung, das als Ruf nach fortwährender *Erneuerung* (*anakainosis*) der inneren Person dient – eine kontinuierliche „Bekehrung der Kirche“ zur Fülle des Evangeliums, die Gläubige befähigt, ihre Botschafteridentität, gestärkt durch den innewohnenden Geist, zu leben.

Letztendlich präsentiert das Zusammenspiel dieser beiden Texte eine geeinte Vision von erlösender Vitalität und Gottes unveränderlichem Charakter als alleiniger Quelle des Lebens. Die alttestamentliche Sehnsucht, dass Gott Seinen Zorn abwendet, findet ihre definitive Antwort in Christi stellvertretender Sühne am Kreuz. Die emotionale und relationale Bitte aus Psalm 85,6 wird daher erfüllt, nicht durch eine Rückkehr zum zyklischen Muster des Alten Bundes, sondern durch das fortwährende, vom Geist ermächtigte Leben der neuen Schöpfung. Diese duale Realität stellt sicher, dass die Freude des Volkes Gottes ewig auf Ihm zentriert bleibt – dem Einen, der Seinem Land wohlgesonnen war, der den Zorn in Christus endgültig auf sich nahm und der nun in Seinem Sohn alles neu macht, indem Er eine sterbende Welt einlädt, die lebensspendende Kraft eines Gottes zu erfahren, der sowohl belebt als auch neu erschafft.

Die Bewegung der Heilsgeschichte ist durch einen sich wandelnden Paradigmenwechsel gekennzeichnet, der von den sich wiederholenden, wiederherstellenden Bitten einer Bundesnation zu der definitiven, ontologischen Transformation des einzelnen Gläubigen und des gesamten Kosmos übergeht. Im Zentrum dieser theologischen Entwicklung steht das Wechselspiel zwischen der Bitte um Erweckung in Psalm 85,6 und der Verkündigung der Neuschöpfung in 2 Korinther 5,17. Während Ersteres einen Ruf darstellt, Leben in eine stagnierende Gemeinschaft im Kontext der zyklischen Natur des Alten Bundes neu einzuhauchen, verkündet Letzteres die Ankunft einer bereits angebrochenen Realität, in der die „alten Dinge“ grundlegend zugunsten einer neuen Existenzqualität in Christus vergangen sind. Diese Beziehung ist nicht nur eine chronologische Abfolge, sondern beinhaltet einen tiefen sprachlichen, historischen und systematisch-theologischen Dialog, der die Art und Weise von Gottes Interaktion mit der Menschheit in den beiden Testamenten beleuchtet.

Der historische und literarische Kontext von Psalm 85,6

Psalm 85 wird traditionell in die nachexilische Zeit eingeordnet und fungiert als gemeinschaftliches Gebet um Wiederherstellung für ein Volk, das in das Gelobte Land zurückgekehrt war, sich aber in einem Zustand geistlicher und materieller Verwüstung befand. Die Rückkehr aus dem babylonischen Exil war, obwohl sie Prophezeiungen erfüllte, mit den Schwierigkeiten des Wiederaufbaus einer verwüsteten Gesellschaft behaftet, was zu einem tiefen Gefühl der Müdigkeit und geistlichen Apathie führte. Der Psalm ist so strukturiert, dass er von einer Erinnerung an vergangene Barmherzigkeit (V. 1-3) zu einer aktuellen Bitte um Intervention (V. 4-7) übergeht und in einer erwartungsvollen Vision zukünftigen Friedens und Gedeihens (V. 8-13) gipfelt.

Die Urheberschaft der Söhne Korachs

Die Zuschreibung des Psalms als Werk der Söhne Korachs bietet eine bedeutsame narrative Ebene. Diese Personen waren Nachkommen Korachs, des Mannes, der in der Wüste eine katastrophale Rebellion gegen Mose anführte, was zu einem göttlichen Gericht führte (Numeri 16,1-40). Dass die Nachkommen eines solchen Rebellen zu den Gottesdienstleitern und Psalmisten des nachexilischen Tempels wurden, unterstreicht das Thema der radikalen Barmherzigkeit. Ihr Ruf in Vers 6, „Willst du uns nicht wieder beleben?“, ist nicht nur ein Gebet für ihre Nation, sondern spiegelt ein Erbe wider, das allein durch die souveräne Wahl Gottes überlebt hat. Sie repräsentieren eine Gemeinschaft, die historisch die Folgen des Ungehorsams erlebt hat und nun die Priesterschaft und das Volk zu Glauben und Gehorsam ermutigt.

Die Zeit der Erweckung: Gunst, Vergebung und Endlichkeit

Die „Zeit“ der Erweckung, wie sie in den Anfangsversen des Psalms beschrieben wird, ist dadurch gekennzeichnet, dass Gott seine Gunst erweist und seine Vergebung offenbart. Der hebräische Begriff für „gnädig sein“ ($\text{rasah}$) trägt die Konnotation, Wohlgefallen zu haben, eine Schuld zu begleichen oder eine Person nach einer Zeit der Entfremdung wieder anzunehmen. Im nachexilischen Kontext zeigt sich diese Gunst in der „Wiederherstellung des Geschicks Jakobs“. Der Psalm betont, dass Erweckung mit einem rückblickenden Blick auf Gottes vollendete Taten beginnt: Er zeigte Gunst, stellte das Geschick wieder her, vergab Ungerechtigkeit, deckte Sünden zu und zog Seinen Zorn zurück.

Dieser rückblickende Blick ist wesentlich, denn technisch gesehen kann man etwas nicht „wiederbeleben“, das zuvor noch kein Leben erfahren hat. Erweckung ist der Prozess, das wieder zum Leben zu erwecken, was Niedergang, Atrophie oder „geistliches Koma“ erlebt hat. Die Struktur der Bitte in Vers 6 setzt voraus, dass Gottes vergangene Vergebung (V. 1-3) ein Beweis Seiner Bereitschaft ist, erneut zu handeln. Die endliche Natur von Gottes Zorn, wenn Gerechtigkeit Genüge getan wurde, ist eine grundlegende Prämisse des Anliegens des Psalmisten; Zorn wird als heilsame Disziplin angesehen und nicht als ein dauerhafter Zustand für das Bundesvolk.

Linguistische Analyse der Erweckung: Chayah und Techayenu

Die Bitte um Erweckung in Psalm 85,6 stützt sich auf die hebräische Wurzel $\text{chayah}$ ($\text{חָיָה}$), die in der spezifischen Verbalform $\text{techayenu}$ erscheint. Diese Wurzel bedeutet grundlegend „leben“, aber ihr semantischer Bereich in diesem Kontext erstreckt sich auf „zum Leben erwecken“, „beleben“, „Gesundheit wiederherstellen“ und „Leben erhalten“.

Die negative Frage als bejahende Forderung

Linguistisch ist Vers 6 als negative Frage konstruiert, die in der hebräischen Rhetorik eine starke bejahende Antwort erwartet. Indem der Psalmist fragt: „Willst du uns nicht wieder beleben?“, fordert er im Grunde ein „Ja“ vom Allmächtigen. Diese grammatische Struktur signalisiert das Vertrauen des Bittstellers in Gottes Charakter als den Lebensspender. Verschiedene Übersetzungen versuchen, diese Nuance einzufangen: Die New Jerusalem Bible verwendet eine starke Bejahung („Sicherlich wirst du uns wieder beleben“), während die Good News Translation es als eine direkte, dringende Bitte darstellt.

Die Dimensionen von Chayah

Das Wort $\text{chayah}$ impliziert eine vielschichtige Wiederherstellung, die nicht nur symbolisch, sondern greifbar und historisch ist. Es vermittelt eine wörtliche Wiederherstellung von Land, Leben und geistlicher Vitalität. Die historischen Vorkommen des Wortes in der hebräischen Bibel beziehen sich oft auf die Belebung des Geistes der Gedemütigten und des Herzens der Zerknirschten.

Hebräischer BegriffWurzelbedeutungKontextuelle Anwendung in Psalm 85,6
$\text{Chayah}$ ($\text{חָיָה}$)

Leben, am Leben bleiben oder gedeihen

Der grundlegende Akt der Wiederherstellung von Vitalität in einer sterbenden Gemeinschaft.

$\text{Techayenu}$

Zum Leben erwecken oder wiederbeleben

Die spezifische verbale Anrufung Gottes, als der souveräne Lebensspender zu handeln.

$\text{Shub}$ ($\text{שׁוּב}$)

Sich wenden, zurückkehren oder wiederherstellen

Der Akt der Rückkehr zu Gott (Buße) und Gottes Hinwendung zu Seinem Volk.

$\text{Chaim}$ / $\text{Chayim}$

Leben (Plural der Intensität)

Der resultierende Zustand des Gedeihens, der im Studium des Wortes gefunden wird.

Die Verwendung von „wieder“ ($\text{shub}$) zusammen mit „beleben“ unterstreicht die zyklische Natur der Beziehung Israels zu Gott. Diese Wiederholung bestätigt, dass geistlicher Niedergang eine wiederkehrende Bedrohung ist, die periodische „Umkehren“ erforderlich macht, bei denen Gott das Volk in seinen früheren Zustand der Gunst und Freude zurückversetzt.

Die Ontologie der Neuen Schöpfung in 2 Korinther 5,17

Die Erklärung des Apostels Paulus in 2 Korinther 5,17 stellt einen Wandel von den wiederherstellenden Zyklen des Alten Bundes hin zu einer definitiven, angebrochenen Realität dar. Die Aussage: „Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“, führt das Konzept der $\kappa\alpha\iota\nu\dot{\eta} \kappa\tau\acute{\iota}\sigma\iota\varsigma$ (kaine ktisis) als das grundlegende Kennzeichen christlicher Existenz ein.

Die Kaine Ktisis: Radikale Qualität und kosmischer Umfang

Der Begriff $\kappa\tau\acute{\iota}\sigma\iota\varsigma$ (Schöpfung) wird im biblischen Griechisch ausschließlich mit Gott als Subjekt verwendet, was eine Handlung kennzeichnet, die menschlichen Einfallsreichtum übersteigt und der ursprünglichen Weltschöpfung entspricht. Das Adjektiv $\kappa\alpha\iota\nu\dot{\eta}$ (neu) bezeichnet eine Neuheit in Qualität, Natur oder Art, anstatt lediglich zeitlich neu zu sein ($\text{neos}$).

Paulus' Vision von der neuen Schöpfung ist sowohl individuell als auch kosmisch. Während sie sich auf die Person „in Christus“ bezieht, deutet das Fehlen eines Subjekts oder Verbs im zweiten Satzteil des griechischen Originals („Wenn jemand in Christus – neue Schöpfung!“) darauf hin, dass die Gegenwart des Gläubigen ein Zeichen dafür ist, dass die gesamte kosmische Ordnung begonnen hat, sich zu transformieren. Diese „Invasion vom Himmel“ stört das gegenwärtige Zeitalter und bedeutet, dass der Gläubige in einer „neuen Zeitzone“ lebt, die durch den Sieg Christi über den Tod definiert ist.

Die „In Christus“-Identität

Der Ausdruck „in Christus“ repräsentiert den Mechanismus dieser Transformation. Es ist ein Konditionalsatz erster Art im Griechischen, der impliziert: „da“ oder „angenommen, dass“ man in Christus ist. In Christus zu sein bedeutet, „eingepfropft“ zu sein in das Leben, den Tod und die Auferstehung des Messias, was zu einem totalen „Regimewechsel“ im Herzen führt. Diese Vereinigung macht die „alten Dinge“ – den früheren moralischen und geistlichen Zustand, weltliche Bewertungskriterien und ein für sich selbst gelebtes Leben – obsolet.

Das „Alte ist vergangen“ ($\text{ta archaia parelthen}$) verwendet ein Aorist-Verb, was eine vollendete, historische Tatsache für den Gläubigen anzeigt. Dieses Vergehen umfasst die „fleischliche“ oder „weltliche Sichtweise“ ($\text{kata sarka}$), wodurch Menschen nicht mehr nach physischen oder sozialen Standards, sondern nach dem Geist beurteilt werden.

KonzeptAnwendung in 2 Korinther 5,17Theologische Implikation
Kaine Ktisis

Neue Schöpfung (in Qualität)

Ein göttlicher Akt, der eine neue Existenzordnung schafft.

En Christo

Vereinigung mit Christus

Die primäre Identität, die Beruf, Status oder Kultur übersteigt.

Parelthen

Ist vergangen (Aorist)

Das definitive Ende des alten Lebens und der damit verbundenen Schuld.

Gegonen

Sind gekommen/geworden (Perfekt)

Die fortwährende, etablierte Realität des neuen Zustandes.

Idou

Siehe!

Ein Ausruf, der die Aufmerksamkeit auf die neue Realität lenkt.

Das theologische Wechselspiel: Wiederherstellung versus Transformation

Eine entscheidende Dimension des Wechselspiels zwischen diesen beiden Texten ist die Unterscheidung zwischen der im Psalm angestrebten „Wiederherstellung“ und der im Epistel verkündeten „Transformation“. Gelehrte argumentieren, dass das alttestamentliche Konzept der Erweckung, als Rückkehr zu einem früheren Zustand des Friedens oder der Unschuld, nicht vollständig auf die neutestamentliche Realität des Reiches Gottes anwendbar ist.

Die Begrenzung der Wiederherstellung

Wiederherstellung ($\text{apokatastasis}$ oder $\text{shub}$) beinhaltet, etwas in seine ursprüngliche Form oder seinen Zustand zurückzubringen. Im Kontext von Psalm 85 ist es eine Bitte, uns „zu dem Frieden zurückzubringen, der vor der Sünde bekannt war“. Theologisch gesehen stellt dies jedoch ein Problem dar, da ein Zustand „echter“ Unschuld für die Menschheit seit dem Sündenfall (Römer 5,12) nicht existiert hat. Das alttestamentliche Opfersystem konnte eine „Sühne“ (wörtl. „Bedekkung“) ($\text{kaphar}$) der Sünde und eine Wiederherstellung der Bundeszugewandtheit versprechen, aber es konnte nicht die dauerhafte „Regeneration“ der menschlichen Natur bewirken.

Die Überlegenheit der Transformation

Im Gegensatz dazu beinhalten die von Paulus beschriebene Transformation ($\text{metamorphoo}$) und Wiedergeburt ($\text{palingenesia}$) eine „vollständige, dauerhafte und andersartige“ Art des Menschseins. Transformation ist keine Rückkehr zu einem früheren Zustand, sondern der Beginn eines „neuen Lebens in Ihm“, das zuvor nicht existierte. Während Erweckung in Psalm 85,6 eine wiederkehrende Notwendigkeit aufgrund des zyklischen Verfalls des Volkes ist, ist die neue Schöpfung in 2. Korinther 5,17 eine einmalige ontologische Veränderung, die eine neue Identität als „Botschafter Christi“ begründet.

Versöhnung: Der „Kuss“ und der „Dienst“

Die tiefgründigste thematische Brücke zwischen Psalm 85,6 und 2. Korinther 5,17 ist die Lehre von der Versöhnung. Psalm 85,10 schildert bekanntlich ein Zusammentreffen göttlicher Eigenschaften: „Gnade und Treue begegnen sich, Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“

Die poetische Harmonie von Psalm 85,10-13

Im Alten Testament wurden diese Tugenden oft durch das Eingreifen der Sünde entfremdet; Gottes Heiligkeit (Gerechtigkeit) forderte Gericht, während Seine Bundestreue (Gnade) Frieden ($\text{Schalom}$) zu schaffen suchte. Der „Kuss“ symbolisiert eine Wiedervereinigung, bei der Gottes Eigenschaften in perfekter Harmonie wirken, um das Volk wiederherzustellen. Diese Versöhnung führt dazu, dass Treue „aus der Erde sprießt“ und Gerechtigkeit „vom Himmel herabschaut“ – ein Bild ganzheitlichen, kosmischen Gedeihens, wo das Land seine Ernte hervorbringt.

Die christologische Erfüllung in 2. Korinther 5,18-21

Paulus deutet diese Versöhnung als ein vollendetes Werk, das durch den Tod Christi vollbracht wurde. Der „Kuss“ von Gerechtigkeit und Frieden ereignete sich in herausragender Weise auf Golgatha. Am Kreuz wurde die Gerechtigkeit Gottes durch den stellvertretenden Tod Christi befriedigt, wodurch der Friede Gottes der Welt zuteilwerden konnte.

Der „Dienst der Versöhnung“, der der neuen Schöpfung gegeben wurde, beinhaltet, andere anzuflehen, sich „mit Gott versöhnen zu lassen“, basierend auf der Tatsache, dass Gott die Welt in Christus bereits mit sich selbst versöhnt hat. Dies hebt eine Verschiebung des Schwerpunkts hervor: In Psalm 85 betet das Volk, dass Gott seinen Zorn abwenden möge; in 2. Korinther 5 hat Gott seinen Zorn in Christus bereits abgewendet, und Er ruft nun die Menschheit auf, sich zu wenden (zu bereuen) und diesen Frieden anzunehmen.

MerkmalVersöhnung in Psalm 85Versöhnung in 2. Korinther 5
Bildsprache

Ein „Kuss“ zwischen personifizierten Tugenden.

Ein juristisches „Nicht-Anrechnen“ von Übertretungen.

Zeitpunkt

Ein erwartetes Ereignis nach dem Gericht.

Ein vollendetes Werk Gottes in der Geschichte (das Kreuz).

Objekt

Das „Land“ und das „Volk Jakobs“.

Die „Welt“ und „jeder in Christus“.

Ergebnis

Nationale Wiederherstellung und materielle Ernte.

Neue Schöpfung und der Ruf zum Botschafterdienst.

Die Rolle des Heiligen Geistes: Odem und Innewohnung

Der Mechanismus sowohl der Erweckung als auch der neuen Schöpfung ist das Wirken des Heiligen Geistes. Psalm 85,6 verwendet die Bildsprache, dass Gott „Leben einhaucht“ in sein Volk, ähnlich der „Wiederbelebung“ der trockenen Gebeine in Ezechiel 37.

Erweckung als geistliche Wiederbelebung

Im alttestamentlichen Kontext wirkt der Geist als externe Kraft, die die Herzen des Volkes belebt und sie dazu bringt, „sich an Dir zu freuen“. Diese Erweckung ist oft mit der Verkündigung des Gesetzes und der Buße des Volkes verbunden. Sie wird als „Invasion vom Himmel“ angesehen, die das moralische Klima einer Gemeinschaft verändert.

Neue Schöpfung als innewohnende Transformation

Im Neuen Testament ist die Rolle des Geistes intimer und ontologischer. Die neue Schöpfung ist „aus dem Geist geboren“ (Johannes 3,5) und „erneuert im Geist eures Sinnes“ (Epheser 4,23). Die Innewohnung des Geistes ist das „Kennzeichen“ der neuen Schöpfung, das ein „gewandeltes Kriterium“ für das Leben ermöglicht. Anders als die im Psalm ersehnten periodischen Heimsuchungen ist die Gegenwart des Geistes in der neuen Schöpfung eine dauerhafte „Versiegelung“, die zukünftige Herrlichkeit garantiert.

Für den Gläubigen geschehen „persönliche Erweckungen“, wenn der innewohnende Heilige Geist auf Sünde hinweist, was zu Buße und einer frischen Erfahrung von Freiheit und Liebe führt. Dies erzeugt eine „geistliche Ironie“: Das Gebet um Erweckung in Psalm 85,6 erfüllt sich im Neuen Testament nicht durch eine Rückkehr zum Alten Bund, sondern durch die ständige, tägliche „Erneuerung“ ($\text{anakainosis}$) des inneren Menschen, die unmerklich für die Sinne gedeiht.

Die „neue Schöpfung“ wird für diese Erneuerung durch die „Kraft des Geistes“ befähigt. Die im Psalm gesuchte „Erweckung“ ist effektiv das „Wiederentzünden“ des Geistesfeuers im Gläubigen, das es ihm ermöglicht, seine wahre Identität als Botschafter zu leben.

Systematische Implikationen für die Lehre von Gott und der Erlösung

Die Beziehung zwischen diesen Texten bietet bedeutende Einsichten in das Wesen Gottes und die Struktur der Heilsgeschichte.

Der unveränderliche Charakter Gottes

Der Psalmist beginnt damit, über Gottes vergangene Werke nachzudenken, um Vertrauen in seinen unveränderlichen Charakter zu schaffen. Der „belebende Gott“ ist derselbe Gott, der „neue Dinge schafft“. Dies betont, dass Gott die einzige Quelle sowohl der Erweckung als auch der Transformation ist; Menschen sind im Grunde passiv bei der Entstehung des Lebens und erhalten weder Anerkennung dafür, „wiedergeboren“ noch „belebt“ zu werden.

Das Wesen und der Umfang der Sühne

Das Zusammenspiel betont die stellvertretende Natur der Sühne. In Psalm 85,2-3 hat Gott Sünden „zugedeckt“ und Zorn „abgewendet“. In 2. Korinther 5,21 erklärt Paulus den Mechanismus: Christus wurde an unserer Stelle „zur Sünde gemacht“, damit uns die „Gerechtigkeit Gottes“ zugerechnet werde. Dies deutet darauf hin, dass die „Abwendung des Zorns“ im Alten Testament ein Vorläufer der endgültigen „Absorption des Zorns“ durch Christus war.

Es gibt eine Debatte innerhalb der reformierten und arminianischen Traditionen bezüglich des Umfangs dieses Werkes – ob es potenziell alle rettet oder tatsächlich die Erwählten rettet –, aber beide sind sich einig, dass die „neue Schöpfung“ der spezifische Begünstigte der Stellvertretung Christi ist. Die „neue Schöpfung“ ist die Gemeinschaft derer, die am „neuen Bund“ teilhaben, Auferstehungsleben besitzen und den von Adam verursachten Fluch aufheben.

Schlussfolgerung: Die geeinte Vision der erlösenden Vitalität

Die Analyse von Psalm 85,6 und 2. Korinther 5,17 offenbart eine geeinte biblische Vision für die Vitalität des Volkes Gottes. Psalm 85,6 liefert die emotionale und relationale Grundlage: ein Herz, das seine eigene Leblosigkeit erkennt und zum einzigen Quell des Atems schreit. 2. Korinther 5,17 bietet die ontologische Erfüllung: die Verkündigung, dass in Christus der Quell des Atems die Natur des menschlichen Geistes grundlegend verändert hat.

Der Übergang von den korporativen, wiederkehrenden „Erweckungen“ Israels zur kosmischen, permanenten „neuen Schöpfung“ in Christus kennzeichnet den Fortschritt von Gottes Plan von der Verheißung zur Erfüllung. Doch das Zusammenspiel bleibt im Leben des Gläubigen bestehen, der zugleich eine „neue Schöpfung“ und ein Mensch ist, der ständig den „belebenden“ Hauch des Geistes braucht. Diese duale Realität stellt sicher, dass die Freude des Volkes auf Gott zentriert bleibt – auf den, der seinem Land wohlgesonnen war, der seinen brennenden Zorn am Kreuz abwandte und der nun in Seinem Sohn alles neu macht. Der „Kuss“ von Gerechtigkeit und Frieden im Psalm wird zum „Dienst der Versöhnung“ im Brief, der eine sterbende Welt einlädt, die lebensspendende Kraft des Gottes zu erfahren, der belebt und neu schafft.